Bald werden die Fachkräfte knapp

Fachkräftemangel

Marktredwitz - Vor wenigen Jahren renovierte der junge Mann Kirchen und Prunkbauten. Heute stellt er Federn für Kernkraftwerke, Autos oder Glasschmelzöfen her.
Derart flexible Mitarbeiter liebt der Geschäftsführer der Hirsch KG, Reinhard Himmer. Dass einer sich als gelernter Stuckateur in der High-Tech-Welt der Federnproduktion zurechtfindet, zeugt von Flexibilität. Es zeugt aber auch vom Wert einer soliden Ausbildung.

Und dafür warben am gestrigen "Tag des Ausbildungsplatzes" Mitarbeiter der Agentur für Arbeit in vielen Betrieben in der Region. Bei Geschäftsführer Reinhard Himmer rannten die Agenturvertreter förmlich offene Türen ein. "Wir legen auf die Ausbildung enormen Wert. Unsere jungen Männer und Frauen müssen nach der Lehre nicht nur fachlich hoch qualifiziert sein, sie müssen auch bereit sein, Verantwortung zu übernehmen." Der junge Mann mit der Stuckateurlehre ist zwar eine Ausnahme - die Hirsch KG bildet überwiegend Werkzeugmacher aus -, allerdings beweist sie, dass mit einer Mischung aus handwerklichem Geschick und einem wachen Geist fast alles möglich ist.

Der stellvertretende Leiter der Arbeitsagentur Hof, Klaus Seebach, lobte die Verantwortlichen der Hirsch KG für ihr Engagement in der Ausbildung Jugendlicher. "Angesichts der Strukturkrise, die unsere Region bewältigen musste, mag es seltsam klingen: In Zukunft werden die Betriebe vor dem Problem des Fachkräftemangels stehen." Dies seien die Folgen der demografischen Entwicklung und der vielen hervorragenden Betriebe. So hätten etliche Unternehmen in der Region die Wirtschaftskrise nicht nur gut überstanden, sondern sie starteten wieder voll durch. "Im vergangenen April hatten wir mit einer Arbeitslosenquote von 6,5 Prozent so gute Zahlen wie seit den Boomjahren nach der Wende nicht mehr." (Anmerkung der Redaktion: Im April 1991 lag die Arbeitslosenquote bei 6,3 Prozent).

Hirsch-Geschäftsführer Himmer sagte, dass sein Betrieb pro Jahr mindestens drei Lehrlinge ausbilde, die anschließend alle übernommen würden. Da die Arbeit anspruchsvoll sei und viel Einsatz verlange, sei das Unternehmen gezwungen, aus der Fülle von Bewerbern die genau passenden Jugendlichen herauszusuchen. "Das können durchaus Hauptschüler sein. Ideal ist der Typ Bastler, der zudem ein räumliches und mathematisches Verständnis mitbringt." Wer einen der Ausbildungsplätze ergattert hat, muss sich darauf einstellen, für einen Betrieb zu arbeiten, der 35 000 Produkte aus allen Lebensbereichen für 1600 Kunden in aller Welt fertigt. Die Hirsch KG ist eines der wenigen Federnunternehmen in Deutschland, das sämtliche Arten von Federn mit einer Drahtstärke von 0,1 bis zu fünf Millimetern herstellen kann. Dies sei nur möglich, weil die Werkzeuge für die Maschinen vor Ort gebaut würden. Die Mitarbeiter rüsteten manche Automaten bis zu zehnmal am Tag um, wenn es die Aufträge erforderten. "Die Werkzeugmacher müssen Anlagen mit bis zu 28 Motoren programmieren können", berichtet Himmer.

Der Hirsch-Geschäftsführer und Klaus Seebach von der Arbeitsagentur brachen bei der Lehrlingsaktion eine Lanze für die Hauptschule. "Im ländlichen Raum besuchen viele Jugendliche die Hauptschule, die in Städten an die Realschule gewechselt wären", sagte Seebach. Auch gebe es "Spätzünder", die Potenzial hätten. "Angesichts des drohenden Fachkräftemangels dürfen wir keinen einzigen Jugendlichen aufgeben. Wenn immer möglich, sollte jeder die Chance auf eine Ausbildung erhalten." Letztlich käme dies auch den Unternehmen zugute.

So viele neugierige Blicke erntet Lehrling Adrian Zeitler (vorne an der Fräsmaschine) selten. Dem Lehrling blicken über die Schulter (von links): die Teamleiterin für den Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur, Andrea Bachmann-Jung, die Leiterin des Rechnungswesens bei der Hirsch KG, Marianne Maurer, Marco Daubner vom Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur, Berufsberater Norbert Ernstberger, stellvertretender Arbeitsagentur-Leiter Klaus Seebach und Hirsch-Geschäftsführer Reinhard Himmer.

Foto: Matthias Bäumler